Nach mehreren erfolgreichen Jahren muss Leica erstmals wieder einen Umsatzrückgang hinnehmen. Im Ende März abgeschlossenen Geschäftsjahr erzielte die Leica Camera Gruppe einen Umsatz von 573 Millionen Euro. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Minus von 3,8 Prozent.
Auf den ersten Blick ist das natürlich keine erfreuliche Nachricht. Wer sich die Entwicklung etwas genauer anschaut, erkennt allerdings schnell, dass Leica damit keineswegs grundsätzlich in Schwierigkeiten steckt. Das Unternehmen blieb profitabel und spricht selbst angesichts des schwierigen wirtschaftlichen Umfelds von einem robusten Ergebnis.
Für mich ist dabei vor allem interessant, was hinter diesen Zahlen steckt – und was die Entwicklung möglicherweise für Leica Fotografen, Käufer und den Pre-Owned-Markt bedeutet.
Schwieriges Marktumfeld trifft auch Leica
Als Gründe für den Umsatzrückgang nennt Leica unter anderem geopolitische Unsicherheiten, ungünstige Wechselkurseffekte und verschärfte Zollregelungen.
Hinzu kommt eine Entwicklung, die derzeit praktisch alle Hersteller hochwertiger Konsumgüter betrifft: Viele Käufer sind zurückhaltender geworden. Das gilt insbesondere für die USA, die für Leica nach wie vor der wichtigste Einzelmarkt sind.
Fotomarkt wächst bei den Stückzahlen – aber nicht beim Umsatz
Interessant ist dabei die Entwicklung des gesamten Fotomarktes. Weltweit wurden zuletzt zwar wieder etwas mehr Kameras verkauft, Käufer entschieden sich jedoch häufiger für günstigere Modelle. Die Zahl der verkauften Kameras allein sagt deshalb wenig darüber aus, wie sich der Markt tatsächlich entwickelt.
Gerade für Leica ist das relevant, denn das Unternehmen positioniert sich konsequent im Premiumsegment.
Das klassische Leica Fotogeschäft verliert Umsatz
Der größte Geschäftsbereich von Leica bleibt natürlich die Fotografie. Genau hier musste das Unternehmen gegenüber dem Vorjahr Umsatzrückgänge hinnehmen.
Andere Bereiche entwickelten sich dagegen erfreulich. Besonders das Mobile-Geschäft konnte deutlich zulegen. Auch die Sportoptik blieb stabil. Positive Entwicklungen meldet Leica außerdem bei Uhren und Accessoires, Heimkinoprojektoren sowie Brillengläsern.
Leica ist längst mehr als ein Kamerahersteller
Für mich zeigt das vor allem, wie sehr sich Leica in den vergangenen Jahren verändert hat. Aus dem klassischen Kamera- und Objektivhersteller ist zunehmend eine internationale Premiummarke geworden, bei der die Fotografie zwar weiterhin im Mittelpunkt steht, aber längst nicht mehr das einzige Geschäftsfeld darstellt.
Leica will jüngere und neue Zielgruppen erreichen
Spannend finde ich vor allem die Aussagen von Leica-Chef Andreas Voll zur zukünftigen Ausrichtung der Marke.
Leica möchte weiterhin konsequent auf innovative Produkte im Premiumsegment setzen, gleichzeitig aber neue Zielgruppen erreichen. Dazu gehören ausdrücklich mehr Frauen, jüngere Menschen und neue kreative Communities.
Diese Entwicklung lässt sich meines Erachtens bereits seit einiger Zeit beobachten. Leica versucht, die enorme Tradition der Marke zu bewahren und gleichzeitig Menschen anzusprechen, die bislang vielleicht nur wenig Berührung mit einer klassischen Leica M hatten.
Tradition und Modernisierung der Leica M
Das ist ein schwieriger Spagat. Einerseits darf Leica seine langjährigen Kunden, Fotografen und Sammler nicht verlieren. Andererseits kann auch eine Marke mit einer derart großen Geschichte nicht ausschließlich von ihrer Vergangenheit leben.
Gerade das Leica M-System steht sinnbildlich für diese Herausforderung. Kaum ein anderes Kamerasystem verbindet Tradition und aktuelle Technik so unmittelbar miteinander.
Wer tiefer in die Geschichte, Technik und Besonderheiten des Systems einsteigen möchte, findet dazu auch meinen ausführlichen Leica M Guide für analoge und digitale Leica M Kameras.
Neue Leica Produkte sollen für Wachstum sorgen
Dass Leica weiterhin viel in neue Produkte investiert, ist kaum zu übersehen.
Mit der Leica M EV1 hat das Unternehmen beispielsweise erstmals eine M-Kamera mit integriertem elektronischen Sucher vorgestellt. Für eine Kamerareihe, deren Geschichte untrennbar mit dem klassischen Messsucher verbunden ist, ist das ein bemerkenswerter Schritt.
Hinzu kamen unter anderem das kompakte Leica Noctilux-M 35 mm, die Leica SL3 Reporter sowie mit dem Cine Compact 1 ein tragbarer Heimkinoprojektor.
Leica erweitert die Marke über die Fotografie hinaus
Auch außerhalb des klassischen Kamerageschäfts baut Leica seine Aktivitäten weiter aus. Dazu gehört insbesondere die Zusammenarbeit mit Xiaomi bei Smartphones.
Die neue Generation des Leica Leitzphone soll nach Angaben des Unternehmens sehr erfolgreich gestartet sein und die internen Erwartungen übertroffen haben. Konkrete Verkaufszahlen wurden allerdings nicht genannt.
Was bedeutet das für den Leica Pre-Owned-Markt?
Für mich ist dieser Punkt besonders interessant, denn im täglichen Umgang mit gebrauchten Leica Kameras und Objektiven sieht man Entwicklungen teilweise aus einer ganz anderen Perspektive als anhand reiner Unternehmenszahlen.
Ein Umsatzrückgang bei Leica bedeutet nämlich keineswegs automatisch, dass auch das Interesse an Leica Kameras zurückgeht.
Hohe Neupreise können Pre-Owned interessanter machen
Im Gegenteil: Gerade bei den teilweise sehr hohen Neupreisen kann der Leica Pre-Owned-Markt für viele Fotografen noch interessanter werden.
Wer erstmals in das Leica M-System einsteigen möchte, muss nicht zwangsläufig mit einer fabrikneuen aktuellen M beginnen. Eine sehr gut erhaltene gebrauchte Leica kann einen erheblich günstigeren Einstieg ermöglichen.
In meinem Leica Pre-Owned Store findet ihr regelmäßig ausgewählte gebrauchte Leica Kameras und Objektive – von klassischen analogen M-Modellen bis zu aktuellen digitalen Leica Kameras.
Das gilt insbesondere auch für M-Objektive. Viele Leica Objektive werden über Jahrzehnte genutzt. Ein hochwertiges gebrauchtes Summicron, Summilux, Noctilux oder Elmarit ist deshalb etwas völlig anderes als ein gewöhnliches kurzlebiges Elektronikprodukt.
Ältere Leica Modelle werden nicht automatisch uninteressanter
Gerade bei Leica finde ich bemerkenswert, dass eine neue Kamerageneration ältere Modelle nicht zwangsläufig überflüssig macht.
Der besondere Reiz älterer Leica M Kameras
Eine Leica M9 fotografiert heute nicht schlechter als vor fünf oder zehn Jahren. Im Gegenteil: Gerade die M9 hat aufgrund ihres CCD-Sensors inzwischen einen ganz eigenen Stellenwert innerhalb der Leica-Geschichte bekommen.
Ähnliches gilt für viele andere M-Modelle. Eine Leica M10 wird nicht plötzlich zu einer schlechten Kamera, nur weil es inzwischen technisch modernere Modelle gibt.
Und selbst bei der aktuellen Leica M11 entscheidet letztlich nicht allein die technische Ausstattung darüber, ob sie für einen Fotografen die richtige Leica ist. Das Fotografieren mit einer M ist immer auch eine sehr persönliche Entscheidung.
Einen Überblick über die analogen und digitalen Generationen findet ihr auf meiner Seite zum Leica M-System und seinen verschiedenen Modellen.
Könnten gebrauchte Leica Kameras jetzt stärker gefragt sein?
Das halte ich durchaus für möglich.
Wenn Käufer bei hochpreisigen Neuanschaffungen zurückhaltender werden, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass sie ihren Wunsch nach einer Leica aufgeben. Statt einer neuen Kamera für einen hohen vier- oder sogar fünfstelligen Betrag rückt möglicherweise eine sehr gut erhaltene gebrauchte Leica stärker in den Mittelpunkt.
Eine Leica ist kein typisches Wegwerfprodukt
Genau darin liegt eine Besonderheit des Leica-Marktes. Eine gepflegte Leica M ist kein typisches Wegwerfprodukt. Viele Kameras wechseln nach Jahren oder Jahrzehnten ihren Besitzer und werden anschließend weiter intensiv genutzt.
Bei klassischen M-Objektiven ist dieser Effekt teilweise noch ausgeprägter.
Deshalb sehe ich einen starken Pre-Owned-Markt nicht als Konkurrenz zum Neugeschäft von Leica. Er kann vielmehr ein wichtiger Einstieg in die Marke sein. Wer seine erste gebrauchte Leica kauft, entscheidet sich später möglicherweise für ein weiteres Objektiv oder irgendwann auch für eine neue Kamera.
Rund 120 Leica Stores weltweit
Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Strategie bleibt der eigene Vertrieb.
Leica hat sein internationales Store-Netzwerk weiter ausgebaut und ist inzwischen mit rund 120 Leica Stores weltweit vertreten. Dabei werden gezielt auch Regionen erschlossen, in denen die Marke bislang weniger präsent war.
Stationärer Handel und Online-Geschäft
Gleichzeitig gewinnt der Online-Handel weiter an Bedeutung. Der Online-Umsatz konnte im vergangenen Geschäftsjahr um fünf Prozent zulegen.
Neben den eigenen Stores und dem Online-Geschäft spielen für Leica außerdem Auktionen eine wichtige Rolle – insbesondere bei historischen und besonders seltenen Kameras und Objektiven.
Wer sich für die stationäre Leica-Welt interessiert, findet bei mir außerdem eine Übersicht der Leica Stores und Leica Händler in Deutschland.
Meine Einschätzung: Ein Warnsignal, aber kein Grund zur Sorge
Ein Umsatzminus von 3,8 Prozent sollte man nicht schönreden. Gerade nach mehreren erfolgreichen Jahren zeigt es, dass auch eine außergewöhnlich starke Premiummarke wie Leica von Konsumzurückhaltung und einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld nicht unabhängig ist.
573 Millionen Euro Jahresumsatz und ein weiterhin positives Ergebnis zeigen auf der anderen Seite aber auch, auf welchem Niveau sich Leica inzwischen bewegt.
Interessanter als ein einzelnes Geschäftsjahr finde ich deshalb die Frage, wohin sich Leica in den kommenden Jahren entwickelt.
Wie viel Veränderung verträgt die Marke Leica?
Die Marke öffnet sich sichtbar neuen Zielgruppen, erweitert ihre Produktpalette und versucht gleichzeitig, ihre traditionellen Werte zu bewahren.
Besonders bei der Leica M wird sich zeigen, wie weit diese Modernisierung gehen kann, ohne den besonderen Charakter des Systems zu verlieren.
Mein Blick aus dem täglichen Leica Geschäft
Aus meiner täglichen Beschäftigung mit Leica Kameras und Objektiven sehe ich weiterhin ein ausgesprochen großes Interesse an der Marke.
Dabei begegnen mir keineswegs ausschließlich langjährige Leica Besitzer und Sammler. Es kommen immer wieder Fotografen hinzu, die ihre erste Leica suchen und sich zunächst intensiv mit den verschiedenen M-Modellen und Objektiven beschäftigen.
Pre-Owned kann der Einstieg in die Leica Welt sein
Und genau hier sehe ich eine große Chance für Leica.
Der Einstieg muss nicht immer über das neueste Modell erfolgen. Eine sorgfältig ausgewählte Pre-Owned Leica kann ebenso der Beginn einer jahrzehntelangen Begeisterung für das M-System sein.
Wer eine gebrauchte Leica sucht und verschiedene Modelle vergleichen möchte, kann sich zunächst in meinem aktuellen Leica Pre-Owned Angebot umsehen. Wer lieber persönlich vergleichen und verschiedene Kameras in die Hand nehmen möchte, findet weitere Informationen über das Leica Wohnzimmer in Berlin und meine persönliche Leica Beratung.
Vielleicht ist deshalb gerade in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten nicht allein entscheidend, wie viele neue Kameras Leica verkauft.
Mindestens ebenso interessant ist die Frage, wie viele neue Menschen Leica für die Fotografie und für das eigene System begeistern kann.
Und genau daran dürfte sich langfristig entscheiden, wie erfolgreich Leica den Spagat zwischen Tradition und Zukunft bewältigt.
Wie seht ihr die aktuelle Entwicklung bei Leica? Ist die Öffnung für neue und jüngere Zielgruppen der richtige Weg – oder sollte Leica sich wieder stärker auf Kameras, Objektive und die traditionellen Werte der Marke konzentrieren?